Heute geht es nach Reykjavik! Die Nacht im Hostel war ruhig, aber da das Haus recht hellhörig ist, werden wir gegen sechs von den ersten herumgeisternden Gästen geweckt. Es gibt nur ein Bad für 5 Zimmer und die Küche ist auch nicht für so viele Menschen ausgelegt. Wir kuscheln uns also noch mal ein, denn wir haben es nicht eilig. Als der größte Trubel vorbei ist, spitzeln wir vor die Tür: Die Luft ist rein, wir können ins Bad. Während Marco unsere Sachen ins Auto packt, mache ich Frühstück und schreibe am Blog. Moment Mal: da ist doch noch jemand – tatsächlich hatte sich im Keller noch ein Pärchen aus der Slowakei versteckt. Sie gesellen sich zu uns und wir kommen ein wenig ins Gespräch.
Gegen 10:30 verlassen wir die kleine Farm in Richtung Reykjavik. Vorher wollen wir noch einen Abstecher nach Hvalfjörður, einem ca. 30 Kilometer langen Fjord nördlich von Reykjavik machen. Die alte Uferstraße führt malerisch um den Fjord herum und bietet spektakuläre Ausblicke sowie eine ruhige Alternative zum Tunnel, der unter dem Fjord liegt.
Im zweiten Weltkrieg hatte der Fjord eine besondere Bedeutung für die alliierten Streitkräfte, die zwischen 1940 und 1945 den Fjord besetzten und von hier aus Schiffskonvois zusammenstellten um den Nachschub zu organisieren. Davon sind allerdings nur noch ein paar verfallene Gebäude und eine alte Landungsbrücke zu sehen. Der Name Hvalfjörður bedeutet übersetzt soviel wie „Wal-Fjord“ und geht wahrscheinlich auf die große Anzahl an Walen zurück, die hier einst zu finden waren. Der Volksmund liefert die Geschichte dazu, wie der Fjord zu seinem Namen kam: Demnach wurde eine Elfenfrau von ihrem menschlichen Geliebten verstoßen, nachdem sie sein Kind zur Welt gebracht hat. Aus Rache, verfluchte und verwandelte sie ihn in einen rothaarigen Wal. Dieser wütete fortan im Fjord, brachte Boote zum Kentern und ertränkte Fischer. Um dem Ganzen ein Ende zu bereiten lockte der örtliche Pfarrer den Wal zu einem See oberhalb von Islands zweithöchstem Wasserfall, dem Glymur. Das Ungeheuer starb vor Erschöpfung am Ufer des Sees und versteinerte zur Halbinsel. Der Riesenwal aus der Legende ist jedoch nicht der einzige Wal, der hier sein Leben lassen musste. Denn tief im Fjord befindet sich Islands einzige Walfangstation. Sie wurde 1948 auf einem Pier errichtet, den die US Navy zurückgelassen hatte. Als Mahnmal finden sich am Ufer zwei verrostete Walfangschiffe (RE376 und RE377). Sie wurden, um ein Zeichen gegen kommerziellen Walfang zu setzen, 1986 von Umweltschützern versenkt und später an diesen Strand gezogen.
Uns ziehen Relikte aus der Vergangenheit magisch an und daher stand dieses Fotomotiv natürlich auf unserer Liste. Womit wir allerdings nicht gerechnet haben, sind die aktuell im Betrieb befindlichen Walfangschiffe, die wir im Hintergrund sehen. In der Walfangstation herrscht reger Betrieb, denn seit Juni 2026 darf wieder gejagt werden. 150 Finnwale und 168 Zwergwale dürfen laut Lizenz in 2026 getötet werden. Ein Finnwal ist mit 27 m Länge und 80 Tonnen Gewicht das zweitgrößte Tier der Welt. Sein Hirn ist fünf Mal so groß wie das eines Menschen. Sein Herz wiegt bei 2 m Durchmesser bis zu 130 kg und er erreicht ein Alter von fast 100 Jahren. Dieses, vom aussterben bedrohte, Wunder der Natur wird weiterhin mit Harpunen gejagt und von Hand zerlegt, um Feinschmeckern in aller Welt serviert zu werden. Ein schwieriges Thema, dem auch die Isländer mittlerweile sehr kritisch gegenüberstehen.
Bevor noch mehr Bilder von Moby Dick in meinem Kopf kreisen, verlassen wir diesen traurigen Ort und stürzten uns ins Stadtgetümmel von Reykjavik. Irgendwie ein komisches Gefühl, nach der Einsamkeit auf so viel Zivilisation zu treffen. Marco nimmt den Stadtverkehr gelassen und chauffiert uns souverän mitten ins Stadtzentrum. Wir parken direkt neben der Hallgrímskirkja, der mit 74,5 Metern Höhe größten Kirche Islands und dem Wahrzeichen Reykjaviks. Der Bau der Kirche dauerte über 40 Jahre. Sie wurde so gestaltet, dass sie den Basaltsäulen in der isländischen Landschaft ähnelt. Die weiße Farbe soll an die Gletscher erinnern. Ihren Namen hat sie vom isländischen Dichter Hallgrímur Pétursson. Wir besichtigen die schlicht gehaltene Kirche, mit der imposanten Orgel. Nachdem wir zwei Kerzlein für unsere Lieben aufgestellt haben, geht es weiter in die Stadt.
Vor der Hallgrímskirkja steht die Statue des Entdeckers Leifur Eiríksson, dem Glücklichen. Er war vermutlich der erste Europäer, der um das Jahr 1000 das amerikanische Festland betrat. Durch Laugavegur, die bunte Einkaufsstraße Reykjaviks, geht es entlang der Regenbogenstrasse und vorbei an zahlreichen Souvenirshops in Richtung Harpa und Hafen. Vorher lockt uns jedoch noch eine kleine Bäckerei mit Zimtschnecken, direkt dem Punk-Museum, in die Falle. Wir wärmen uns bei einem Cappuccino und Gebäck auf und ziehen dann weiter.
Die Konzert- und Konferenzhalle Harpa, mittlerweile der wichtigste Kulturort der Stadt, besticht vor allem durch ihre außergewöhnliche Architektur. Die Fassade besteht aus über 700 geometrischen Glaspaneelen, jedes so groß, dass ein Mensch darin stehen kann und mit einer speziellen Farbbeschichtung versehen. Sie erinnern an Eiskristalle und sollen an die Basaltsäulen erinnern, die man überall im Land findet. Je nach Lichteinfall glänzt hier jeder Winkel auf andere Art und Weise. Von innen hat man durch die riesigen Glasfenster einen wunderschönen Blick auf den Hafen und das Meer.
Im Hafen steht ein großes Segelschiff. Das müssen wir uns genauer ansehen. Als wir näher kommen, fragen wir uns, warum eine deutsche Flagge gehisst ist. Die Antwort folgt auf den Fuß: Bei dem Schiff handelt es sich um die Gorch Fock! Was für ein Zufall. Wir wollen ein paar Fotos machen und kommen mit einem Kadetten ins Gespräch, der uns einlädt das Schiff zu erkunden. Heute ist „Open Deck“ und wir freuen uns wie kleine Kinder. Da muss man erst nach Island fahren, um das Bekannte Segel-Schulschiff der deutschen Marine besichtigen zu können.
Nach diesen Highlights geht es zurück zur Hallgrímskirkja und unserem Auto. Unsere Mägen knurren und direkt neben unserem Parkplatz gibt einen kleinen Foodtruck mit isländischen Hot Dogs. Wir teilen uns ein interessantes Exemplar mit Lammfleisch und Rotkohl und werden dabei von einem lustigen Vogel beäugt. Er wartet wohl, dass ein paar Krümel für ihn abfallen. Abgesehen von der Tatsache, dass wir bisher außer Möwen, Gänsen oder Wildenten wenig gefiedertes Tier auf Island gesehen haben, frage ich mich um was für ein Exemplar es sich hier handelt. Die KI behauptet es wäre ein Star (die Vogelart, nichts Prominentes). Wenn sie Recht hat, habe ich in meinem Leben wohl noch nie einen gesehen.
Bevor es Richtung Selfoss geht, wo wir uns für zwei Nächte ein kleines Appartement als Ausgangsbasis für unsere Tour um den „golden Circle“ gebucht haben, durchqueren wir eine Landschaft geprägt von bemoosten Lavafeldern und sanften Hügeln. Zwischendrin raucht und dampft es. Uns wird wieder bewusst, dass wir uns in aktivem vulkanischen Gebiet befinden. Auf der Halbinsel westlich von Reykjavik gibt es in letzter Zeit auch vermehrt kleinere Erdbeben, die auf einen baldigen Ausbruch deuten. Aber keine Angst, der letzte Vulkan-Ausbruch war 2025 und im Durchschnitt kommt es auf Island nur alle fünf Jahre zu einem Ausbruch.




































































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