Der Tag fängt an, wie der gestrige aufgehört hat: Mit ergiebigem Dauerregen und stürmischen Böen. Also machen wir es uns erstmal in unserem kleinen Appartement gemütlich. Eigentlich wollten wir schon längst auf dem „Golden Circle“ unterwegs sein. Unsere geplanten Aktivitäten finden jedoch hauptsächlich draußen statt und daher hoffen wir auf die Wettervorhersage, die ab 11:00 Uhr ein Ende des Regens prophezeit.
Der „Golden Circle (Goldener Kreis)“, gehört neben dem „Diamond Circle“ im Nordosten, zu den berühmtesten Landschaftsrouten in Island. Er kombiniert atemberaubende Landschaften mit geschichtlich bedeutsamen Orten auf einer kreisförmigen Sightseeing-Route. Zu den drei Hauptattraktionen gehören: Der Þingvellir National Park, der Gullfoss Wasserfall und der Strokkur Geysir. Weitere Orte, die auf jeden Fall einen Besuch wert sind, wären beispielsweise der Kratersee Kerið, der sich in einem erloschenen Vulkankrater befindet und die „Secret Lagoon“, ein geothermisches Bad, das vermutlich älteste Schwimmbad Islands. Das sind eine Menge Stopps, mal sehen, ob wir das alles heute noch unterkriegen. Zumindest hört es langsam auf zu regnen und wir können losziehen.

Als erstes steht der fotogene Kerið-Kratersee auf unserer Liste. Kurz bevor wir dort ankommen, merken wir, dass sich die Landschaft verändert. In das tiefe schwarz mischen sich noch Rot-, Grün- und Blautöne. Es regnet noch immer und bevor unsere Jeans komplett durchnässt werden, funktionieren wir unser Roadhouse zu einer Umkleidekabine um. Es sieht bestimmt lustig aus, wie wir im Auto versuchen von Jeans auf wasserfeste Trekking-Hosen zu wechseln. Der Kerið (Kerid)-Krater ist etwa 6.500 Jahre alt, etwa 55 Meter tief, 170 Meter breit und hat einen Umfang von 270 Metern. Aufgrund seines Alters, er ist ungefähr halb so alt wie die meisten anderen Vulkankrater in Island, sind die Hänge rot und nicht schwarz. Die Eisenvorkommen sind geologisch gesehen noch frisch. Anders als die meisten Krater, die durch explosive Ausbrüche entstanden sind, bildete sich dieser, als eine Magmakammer leer wurde und der Boden darüber einstürzte. Wir laufen einmal am Kraterrand entlang und werden kräftig vom kalten Wind durchgepustet. Wenigstens hat es aufgehört zu regnen. Die Farben sind unbeschreiblich: Unten glitzert der türkisblaue See, die Ränder des Kraters sind rostrot und übersät mit grünen Flechten oder Moosen. Wie unwirklich sieht das erst bei Sonnenschein aus?
Es fängt wieder an zu tröpfeln, als wir den Parkplatz verlassen. Eigentlich wollten wir uns jetzt ein Bad in einer heißen Quelle bei Reykholt gönnen, aber das Wetter spielt einfach nicht mit. Uns ist trotzdem nach etwas warmem und daher fahren wir erstmal zur Friðheimar Tomatenfarm. Hier werden mit Hilfe der geothermischen Wärme, die Island im Überfluss hat, köstliche Tomaten angebaut. Seit 1924 beheizen die Isländer ihre Gewächshäuser kostengünstig und klimaneutral mit Erdwärme. Mittlerweile stammen mehr als 2/3 des auf Island verzehrten Gemüses aus solchen Gewächshäusern. In den Gewächshäusern kann man sich übrigens nicht nur aufwärmen und jede Menge über den Anbau der Tomaten erfahren, sondern auch die wohl beste Tomatensuppe der Welt essen. Neben der Tomatensuppe, die wirklich sehr gut schmeckt, gibt es noch alle möglichen Tomatenkreationen: Eis, Marmelade, Schnaps und Bier!? Könnt ihr euch vorstellen sowas zu probieren? Wir haben den Cheesecake mit Tomatengeleee probiert und müssen sagen: „schmeckt echt lecker!“ Und wenn wir schon bei komischen Dingen sind: Die Geothermie wird auf Island nicht nur genutzt um Tomaten oder Gemüse anzubauen, sondern auch Bananen. Aber nur zu Forschungszwecken.
Wir haben noch einige Highlights auf der Liste, deshalb machen wir uns schweren Herzens auf den Weg in die Kälte und Nässe. Es geht weiter zum Gullfoss, dem goldenen Wasserfall, der vom Gletscherfluss Hvítá gespeist wird. Er verleiht dem Gulfoss seine hohe Durchflussrate, von bis zu 2000 Kubikmeter Wasser pro Sekunde. Anfang des 20. Jahrhunderts wollten Investoren die Kraft des Wasserfalls nutzen und planten den Bau eines Staudamms, der den Wasserfall stark verändert oder schlimmstenfalls zerstört hätte. Die Tochter des Besitzers Sigríður Tómasdóttir kämpfte jahrelang juristisch gegen diese Pläne. Es ist überliefet, dass sie sogar mehrfach zu Fuß über hundert Kilometer nach Reykjavík ging, um ihrem Protest Ausdruck zu verleihen. Sie wurde von einem Anwalt, dem späteren Präsidenten Sveinn Björnsson, unterstützt. Ihrem Einsatz zu Ehren wurde am Rande des Wasserfalls ein Denkmal errichtet. Wir finden, sie hat irgendwie Ähnlichkeit mit einer jungen, schwedischen Aktivistin. Sigríður haben wir es also zu verdanken, dass wir den Gullfoss in seiner ganzen Pracht bestaunen dürfen. Das Wasser donnert und tost, die Gischt steigt auf und um uns herum werden tausende Videos und Bilder gemacht. Wir erklimmen eine Aussichtsplattform nach der anderen und bekommen immer wieder andere Ausblicke. Man möchte einfach nur da stehen und den Blick schweifen lassen. Immerhin war Petrus endlich gnädig mit uns und es hat aufgehört zu regnen.
Wir fahren weiter zum nächsten Punkt auf unserer Liste: Dem Strokkur (Butterfass) Geysir im Geothermalgebiet in Haukadalur. Von weitem sehen wir schon den Dampf aufsteigen und es riecht wieder nach Pups. Die Landschaft ist hier anders als im Geothermalgebiet im Norden. Grüner, bunter, durchsetzt von leuchtendem rot. Wir parken und entrichten brav unsere Parkgebühr. Das ist hier auch so ein Island-Ding: die Naturschauspiele sind eigentlich alle kostenlos, allerdings muss man fürs Parken jedes Mal zwischen sieben und zehn Euro bezahlen. Im Prinzip dann eben doch ein Eintritt, denn den Kameras entkommt keiner. Der Geysir in Haukadalur ist wahrscheinlich der berühmteste Geysir der Welt und Namensgeber aller anderen Geysire. Er bricht regelmäßig ca. alle 10 Minuten und manchmal bis zu dreimal kurz hintereinander aus. Die kochende Wassersäule erreicht dabei eine Höhe von 25 bis 35 Meter und eine Geschwindigkeit von bis zu 60 km/h. In diesem Gebiet ist alles, von Mini-Geysiren bis zum Riesen-Geysir (der nur noch ganz, ganz selten ausbricht) vertreten. Kurz gesagt sind die Eruptionen das Ergebnis unterschiedlicher Wassertemperaturen und Druckverhältnisse, aber wir wollen euch ja nicht mit Physik langweilen.
Um den Pool des Strokkur stehen schon viele wartende Touristen, gespannt das Handy in der Hand und wartend auf den nächsten Ausbruch. Wind und Regen haben zum Glück nachgelassen und die Gefahr geduscht zu werden ist gebannt. Gerade als wir unsere Kamera zücken wollen, ertönt ein lautes „oh und aah“ und das Wasser schiesst neben uns in die Höhe. O.k., den ersten Versuch haben wir vermasselt – warten wir mal auf den zweiten. Es blubbert und brodelt und der Geysir täuscht öfter mal einen Ausbruch an. Es dauert nicht lange, da hebt sich die türkisfarbene Wasseroberfläche und die Wassersäule schiesst wieder empor. Foto-/ Videochance genutzt, aber noch nicht perfekt. Also noch mal warten. Ob es geklappt hat, seht ihr dann im Bildbeweis.
Zwischenzeitlich ist es schon recht spät geworden und alle Punkte auf unserer Liste werden wir heute nicht mehr abhaken können. Aber den Brúarfoss wollen wir uns nicht entgehe lassen. Obwohl der Wasserfall mit etwa 5 Meter Fallhöhe nicht sehr hoch ist, gehört er zu den schönsten Islands. Wir erreichen ihn über eine ca. 3 km lange Gravelroad und einen kurzen Fußmarsch durch einen kleinen Birkenwald. Überall stehen Warnschilder und sogar die Parkapp warnt vor tödlichen Unfällen. Worauf haben wir uns hier eingelassen? Apropos Schild: Marco macht mich auf eins am Wegesrand aufmerksam – was mag hier wohl passiert sein, dass sich jemand dazu genötigt fühlte, es aufzustellen?

Der Brúarfoss „Brücken-Wasserfall“ verdankt seinen Namen einer natürlichen Steinbrücke, die nördlich des Wasserfalls zu fruchtbaren Ländereien eines Bischofs geführt haben soll. Während einer Hungersnot im Jahr 1602 soll dieser allerdings den Auftrag zur Zerstörung der Naturbrücke gegeben haben, um hungrigen Bauern und Bettlern den Zugang zu verwehren. Der Wasserfall leuchtet himmelblau und fällt von zwei Seiten in eine schmale Spalte. Von weitem sieht es aus, als wären es ganz viele, kleine Wasserfälle. Unterhalb der Brücke verwirbelt er sich in einem Pool so stark, dass wir uns vorstellen können, warum die Warnungen ausgesprochen wurden.
Da es langsam dunkel wird und der kalte Wind wieder zunimmt, machen wir uns auf den Weg zum Appartement, wo uns ein heißer Tee und ein Nudeltopf aus der Dose erwarten. Ja, richtig gelesen, Island ist dieses Jahr kein kulinarisches Highlight! Essen ist hier einfach nur Mittel zum Zweck. Morgen müssen wir dann eine Entscheidung treffen, wie es die nächsten Tage weiter geht!


























































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