Heute Früh haben wir die Zeit vertrödelt und nach der üblichen Morgenrunde frühstücken wir gemütlich in der großen Küche mit Blick aufs Meer. Wir sind fast alleine, die stummen Asiaten haben geräuschlos das Hostel verlassen. Ein weiterer, letzter Gast gesellt sich zu uns und wir kommen ins Gespräch. Ein Kanadier, der mit seinem Motorrad gerade auf Weltreise ist. Er spricht perfekt Deutsch, da er eine deutsche Mutter hat. Nach Island will er weiter nach Japan reisen. Wir freuen uns über den regen Austausch, denn für uns ist es nach den letzten Camperreisen (ohne Anschluss) eine spannende neue Erfahrung.  Grüße gehen raus an „Adventures without boardes“ (Abenteuer ohne Grenzen)- vielleicht möchte der ein oder andere ihm ja bei seiner Reise folgen, er hat einen Istagram und YouTube- Kanal! Wir sind auf jeden Fall gespannt, wohin es ihn auf seiner Reise verschlägt! Gegen 11:00 Uhr packen wir uns zusammen, denn wir wollen heute bis nach Ólafsvík kommen. Auf unserer Tour liegen ein kleiner, verwunschener Wasserfall und der Kirkjufell, das Wahrzeichen Islands. 

Von Hvammstangi geht es über die Ringstraße Richtung Selvallafoss. Die insgesamt ca. 250 Kilometer führen uns durch eine der einsamsten und abwechslungsreichsten Strecken Islands. Wir sehen tiefblaue Fjorde, zahllose kleinen Inseln und weite Schotterebenen, bevor sich eine dramatische Bergkulisse vor uns auftut. Schotterebene, unser Stichwort! Sie hat uns wieder fest im Griff. Hochkonzentriert umschifft Marco die schlimmsten Schlaglöcher und Felsbrocken, die auf der Straße liegen. Wir ruckeln über die Piste (also sorry, falls das ein oder andere Bild verwackelt sein sollte) und versuchen die Landschaft in uns aufzusaugen. Die Sonne strahlt uns entgegen und lässt das Labyrinth aus hunderten von kleinen Inseln des Breiðafjörður-Archipels in besonderer Schönheit erstrahlen. 

Der Selvallafoss, auch bekannt als der Schafwasserfall, ist einer der weniger bekannten Wasserfälle in Island. Trotzdem ist er unglaublich schön und gehört zu den Orten, an denen man leicht die Zeit vergisst. Ein kleiner Trampelpfad führt hinunter zum Wasserfall in spektakulärer Kulisse. Das Besondere: Man kann hinter den Wasserfall gehen und die Aussicht auf den davor liegenden See Selvallavatn genießen. Natürlich müssen wir das ausprobieren: Während ich grazil über die Felsbrocken klettere und versuche meinem Sternzeichen alle Ehre zu machen, nimmt Marco den einfacheren Weg über den Hügel. Danach geht’s zurück zum Auto. Da wir von der  Klettereinheit hungrig sind, futtern wir die liebevoll geschmierten Schnittchen und machen noch einen Abstecher nach Stykkishólmur.

Die Stadt im Nordwesten der Halbinsel Snæfellsnes wurde in unserem Reiseführer als Kleinod mit bunten Holzhäusern angepriesen. Außer einem kleinen Hafen und ein paar bunten Häusern gibt es nicht viel. Wir rätseln, wie das Bild im Reiseführer entstanden ist und kaufen in der örtlichen Bäckerei noch ein Stück isländischen Kokoskuchen. Für unsere Kaffeepause suchen wir uns ein Plätzchen mit Aussicht auf das Meer, aber im warmen Auto, denn der Wind ist eisig. 

Weiter geht es zum Kirkjufell. Die Straße führt am Kolgrafarfjörður vorbei. Der Fjord ist dafür bekannt, dass dort im Wasser oft Robben oder mit viel Glück sogar Orcas (Schwertwale) jagen. 2012 und 2013 sind hier übrigens fast 52.000 Tonnen tote Heringe angespült und der Küstenabschnitt von einem Quadratkilometer toter Fische bedeckt worden. Bedenkt man, dass sich Islands Fangquote für Hering auf ca. 62.000 Tonnen beläuft, versteht man die Ausmaße der Katastrophe. Aber nicht nur für die Menschen, sondern auch für die Natur- und Tierwelt. Der austretende Tran der Fische führte nämlich dazu, dass viele Vögel an verklebtem Gefieder verendeten. Über den Grund des massenhaften Fischsterbens streiten die Experten noch. Manche sehen die Ursache in einem Brückenbau am Fjord. Die Bauarbeiten sollen dazu geführt haben, dass der Sauerstoffgehalt im Wasser massiv abgenommen hat und die Heringe erstickt sind. Andere vermuten, dass plötzlich einsetzende und anhaltende Nordwinde zu einem Temperaturabsturz im Wasser führten. Die Fische wären demnach erfroren. Wir beobachten ein paar Robben, die sich im Fjord räkeln und fahren weiter durch den kleinen Fischerort Grundarfjörður.

Direkt dahinter thront der Kirkjufell, der als der meistfotografierte Berg Islands gilt. Wir laufen zur Aussichtsplattform, um den Berg in seiner vollen Schönheit mit samt dem Kirkjufellsfoss zu fotografieren. Zwischen den ganzen Touristen finden sich immer wieder Brautpaare, die die Szenerie für besondere Hochzeitsfotos nutzen. 

Der Kirkjufell war übrigens Filmlocation für die sechste und siebte Staffel der berühmten Serie Game of Thrones, wo er als „Pfeilspitzen-Berg“ bezeichnet wurde, der von den Jagdhunden und der Gruppe Nordwand gesehen wurde, als sie einen Wicht fingen. Allerdings wurde hier nicht mit den Schauspielern gedreht. Der Berg wurde erst im Nachhinein in den Film geschnitten. Wer übrigens den Kirkjufell erklimmen möchte, der sollte dies nur mit einem erfahrenen Bergsteiger tun. Der Berg gilt nämlich als äußerst gefährlich, da die Wege extrem eng und direkt am Abgrund entlang gehen. Wir genießen das Schauspiel der ganzen Selbstdarsteller am Berg und machen uns dann auf den Weg nach Ólafsvík. Hier befindet sich unser Hostel, genau wie das der ganzen Chinesen, die sich eben noch am Kirkjufell in Szene gesetzt haben. Und so können wir nach dem Abendessen und Wäsche waschen weiter zusehen, wie Selfies gemacht & Instagram Videos gedreht werden. Da braucht man kein Fernsehen! 


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