Sonntag ist Ausschlaf-Tag! Die Nacht war ruhig, und der Wecker klingelt um 9:00 Uhr. Moment mal, das ist gar nicht mein Wecker, das sind die gackernden Hühner, die mitten in der Nacht das halbe Hostel geweckt haben. Der Tag fängt ja gut an! Also erstmal unter die Dusche und danach frühstücken. Hier im Hostel gibt es sogar ein kleines Buffet und man kann sich frische Waffeln backen. Welch ein Luxus. Wir bleiben beim gewohnten. Marco greift zum dunklen Brot, mit Wurst, Käse und Tomaten. Ich nehme Knäckebrot. Ok, Marcos Brot war wohl doch ein Stückchen Kuchen, auf jeden Fall eine interessante Kombi. Nach dem Frühstück packen wir uns zusammen und fahren zur Glaumbær Turf Farm, einem isländischen Bauernhof, der in der für Island typischen Torfbauweise errichtet wurde. 

Da wir schon recht spät dran sind, stehen schon einige Busse davor. Wir kaufen unsere Eintrittskarten und bekommen noch den Hinweis bitte nichts anzufassen, keine Fotos mit Blitz zu machen und Marco soll bitte den Kopf einziehen! Der Bauernhof besteht aus einem Haupthaus mit vielen Seitenarmen und wurde in dem, bis Ende des 19 Jahrhunderts, typisch ländlichen Baustil errichtet. Holz stand als Baustoff nur in begrenzter Menge zur Verfügung. Die tragende Konstruktion wurde häufig aus Treibholz errichtet, da es durch die Einwirkung des Meerwassers sehr haltbar war. Die Außenwände bestanden aus dicken, im Fischgrät- Muster geschichteten Torfschichten, das Dach war mit Gras gedeckt. Wichtig war beim Dach vor allem der Neigungswinkel: war er zu flach, staute sich das Wasser und drang durch das Dach ins Innere des Hauses. War er zu steil, bildeten sich bei trockener Witterung Risse und das Dach wurde undicht. Beim Bau mit Torf ist es schwierig große Gebäude zu bauen, daher wurde bei der Farm jeder Raum als eigenes kleines Haus gebaut und über einen zentralen Gang miteinander verbunden. 

Bei der Glaumbær Farm sind 9 von 11 Räumen des zentralen Gebäudes über einen 22 Merer langen, dunklen Gang verbunden. In den Nebengebäuden befanden sich eine Schmiede, ein Lagerraum für landwirtschaftliche Geräte sowie Futter und eine Werkstatt. Im vorderen Bereich des Haupthauses findet man Gästezimmer, Vorratsräume und die Küche. Im hinteren Bereich gab es ein Studier- bzw. Schulzimmer  und die Baðstofa, das eigentliche Wohn- bzw. Schlafzimmer des Hauses. In der Baðstofa von Glaumbær, das Herzstück des Hauses, die 1876 errichtet wurde, stehen an den Seitenwänden 11 Betten. Da meistens zwei Personen in einem Bett schliefen, bot die Baðstofa 22 Menschen Platz. Die Betten dienten tagsüber auch als Sitzgelegenheit beim essen und arbeiten. Man kann sich gut vorstellen, wie hier gelebt und gearbeitet wurde. Und wie hart die Winter in dieser kargen Landschaft gewesen sein müssen. Die heutigen Häuser der Glaumbær Farm sind zwischen dem 18. und der Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden. Die Farm war bis 1947 bewohnt, ihre Geschichte reicht jedoch bis ins 11. Jahrhundert zurück. 

Neben den alten Häusern stehen noch zwei neuere. Ein weißes Gebäude, in dem eine Ausstellung über die Torfhäuser Islands zu finden ist, und ein gelbes, das ein Café beherbergt. Café ist unser Stichwort. Wir gönnen uns eine Zimtschnecke und etwas zu trinken und genießen das nostalgische Ambiente. 

Unser Ziel heute ist Hvammstangi, dort habe ich heute Früh noch schnell ein Hostel für uns gebucht. Bis wir dort einchecken dürfen ist noch viel Zeit und so machen wir noch einen Abstecher nach Reykir. Der kleine Hafen am Meer wartet mit einer Besonderheit auf: Heißen Quellen, die nicht überlaufen sind. Die beiden Pools haben die Namen Grettislaug und Jarlslaug. Grettislaug ist benannt nach Grettir dem Starken. Der Sage nach war er nicht nur der stärkste Mann Islands sondern auch ein Gesetzloser. Er nutzte das Bad, um sich aufzuwärmen, nachdem er von der Insel Drangey, die den Pools gegenüber liegt, herübergeschwommen war. Jarlslaug ist benannt nach Jón Eiríksson, der den Aufbau der Becken leitete, nachdem sie bei einem verheerenden Sturm, Anfang des 20. Jahrhunderts, komplett zerstört wurden. Die Bäder liegen in einer wunderschönen Umgebung, zwischen Bergen und Meer, mit atemberaubender Aussicht und wärmen mit einer Wassertemperatur von fast 40 Grad unsere müden Knochen. Fast drei Stunden halten wir es hier aus. Das Wasser heizt einem stellenweise so ein, dass man zwischendurch mal raus muss um sich abzukühlen. Es ist ähnlich, wie bei einem Dampfbad. Nur mit herrlicher Aussicht und frischer Luft um die Nase. Da alles Schöne auch mal ein Ende hat, verlassen wir dieses herrliche Fleckchen Erde über die selbe Schotterpiste, über die wir gekommen sind. 

Es geht weiter Richtung Ziel, aber nicht ohne noch einen Abstecher zum Hvítserkur (weißer Kittel) auf der Halbinsel Vatnsnes zu machen. Hierbei handelt es sich um eine außergewöhnliche Basalt-Felsformation, die aus einem schwarzen Sandstrand ragt und durch Vogelexkremente mittlerweile weiß verfärbt ist. Der Felsen ist abseits der Ringstraße, über eine unbefestigte Straße zu erreichen, die von Schafen und Island-Pferden gesäumt wird und Marco an den Rande der Verzweiflung bringt. Es geht auf und ab, vorbei an Schlaglöchern und über Waschbrett-Pisten. Im Auto scheppert und wackelt alles und wir sind nicht sicher, ob wir langsamer oder schneller fahren sollen, um Schlimmeres zu verhindern. Wo hab ich uns da nur wieder rein manövriert? Ich bin kurz davor Marco zur Umkehr zu überreden und hoffe die 20 Kilometer sind bald vorüber. Als wir am Parkplatz ankommen, machen wir drei Kreuze. Alles gut gegangen! Aber müssen wir das Stück wirklich wieder zurück? Wir schieben den Gedanken zur Seite und machen uns auf dem Weg zur Aussichtsplattform. Vor lauter Geruckel, haben wir den Blick für die Schönheit dieses Landstrichs verloren. Tief schwarzer Sand, darauf grüne Tupfer und im Hintergrund grüne Hügel. Darüber blauer Himmel und Sonnenschein. Was für ein Farbenspiel!

An der Plattform angekommen sehen wir den Felsen aus dem Meer ragen. Einer isländischen Sage nach soll es sich allerdings um einen Troll handeln, der von der Sonne versteinert wurde, als er das Kloster Þingeyrar mit Steinen bewarf. Einen Troll erkennen wir nicht, eher ein trinkendes Bison. Andere sehen ein Nashorn oder Elefantenbaby? Habt ihr noch mehr Fantasie und seht was ganz anderes? Unten am Strand laufen ein paar Menschen direkt vor dem Felsen entlang. Marco inspiziert den Trampelpfad zum Strand hinunter und entscheidet: Nichts für Fusslahme wie uns! Also geben wir uns mit den Fotos von oben zufrieden und widmen uns dem Rückweg. Wir können wieder zurück zur Ringstraße nach Hvammstangi oder wir umrunden die Vatsnes-Halbinsel in der Hoffnung bessere Straßen vorzufinden. Da alle Touristen den Weg zur Ringstraße wählen, entscheiden wir uns für die Gegenrichtung. Und wir werden nicht enttäuscht, denn die Straße ist nicht nur in besserem Zustand, sondern landschaftlich viel ansprechender. 

Unser Hostel ist gleich gefunden. Der Schlüssel für unser Zimmer liegt auf dem Küchentisch und wir finden uns schnell zurecht. Eine sehr gut ausgestattete Küche, saubere Zimmer und freundliche Gleichgesinnte. Während die Sonne rosarot im Meer versinkt, kochen wir uns noch eine Kleinigkeit (Tortellini mit Schinken-Sahne-Soße) und fallen danach ins Bett. Aber natürlich nur, um am Blog zu schreiben und die Ereignisse Revue passieren zu lassen sowie die weitere Route zu planen. Die enthält dann hoffentlich weniger Buckelpisten und mehr heiße Quellen. 


Ein Kommentar zu „Erst 40 Grad, dann Schleudergang“

  1. Avatar von Andreas Karfeld
    Andreas Karfeld

    Stichwort: einen Cappuccino, Tee und 2 Stückchen Kuchen? Mit Trinkgeld? Bestimmt 34,60€ 😜- also dann 40,-€! Tolle Bilder! Tolle Geschichten. Tolle Erlebnisse! Weiterhin viele Abenteuer! Aber nur Schöne! Liebe Grüße 🖖

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