„Sehr geehrte Gäste, in zwei Stunden erreichen wir Seyðisfjörður. Bitte beachten Sie, die Kabinen müssen eine Stunde vor Ankunft geräumt werden.“ Wir sind natürlich schon wach, gepackt und haben die restlichen Lebensmittel im Frühstück verarbeitet. Nicht, dass der isländische Zoll noch die guten Beeren oder den Schinken in unserer Kühlbox beschlagnahmt. Vorbildlich verlassen wir die Kabine und vertreiben uns die Zeit in der Bibliothek als erneut eine Durchsage ertönt: „Sehr geehrte Gäste, sie haben ab sofort 15 Minuten Zeit um ihr Gepäck vorab zu Ihrem Auto zu bringen.“ Sehr gut, wie wir finden, denn so müssen wir zum Einlaufen in den Hafen nicht alles an Deck schleppen! Leider denken 90 % der Passagiere genauso und so staut es sich auf den schmalen Treppen runter zum Parkdeck. 

Als wir in den Hafen einlaufen regnet es. Die umliegenden Berge sind wolkenverhangen und der Wind eiskalt. Zur Begrüßung springen zwei Delfine aus dem Wasser. Nachdem wir gefühlt ewig am Zoll gewartet haben, dürfen wir endlich einreisen. Allerdings möchte keiner der Beamten unsere Ausweise oder die Zollanmeldung für unser Auto sehen, geschweige denn einen Blick in unsere Vorräte oder Kühlbox werfen. 

Der erste Stopp auf unserer Liste: Die blaue Kirche von Seyðisfjörður. Leider ist sie verschlossen und so machen wir das obligatorische Foto mit der Regenbogenstrasse davor und flüchten zurück zum warmen Auto. Kleiner fun fact am Rande: Alle Häuser, inklusive der blauen Kirche „Seyðisfjarðarkirkja“, wurden in Norwegen gebaut und als Bausatz nach Island verfrachtet.

Seyðisfjörður ist über einen 620 Meter hohen Pass, der im Winter auch mal unpassierbar sein kann, mit Egilsstaðir verbunden. Auf dem Weg zur Passhöhe treffen wir auf unseren ersten Wasserfall, den Gufufoss oder auch „Dampfwasserfall“ genannt. Hier fällt der Fluss Fjarðará  spektakulär 27 Meter in kristallblaue Becken. Nach der langen Schiffsfahrt sind wir froh über den kleinen Spaziergang entlang der Kaskaden und die ersten Fotos und Videos sind schnell gemacht. Um den Wasserfall herum ist es grün, Heidelbeeren warten darauf gepflückt zu werden. Einziges Manko: der Nieselregen und die Kälte. Marco friert, trotz der drei Jacken, die er an hat und stellt Antrag auf Rückkehr. Die Passstraße schlängelt sich den Berg hinauf und hüllt sich in dichten Nebel. 

Unser Hostel liegt außerhalb von Egilsstaðir und da wir erst ab 16:00 Uhr einchecken können, entscheiden wir uns noch nach Hafnarhólmi zu fahren. Der kleine Fischerhafen ist bekannt für eine der größten Puffinkolonien in Island. Hier kann man die tollpatschigen Gesellen von Mai bis Mitte/ Ende August aus nächster Nähe beobachten. Ein kleiner Traum von Mir(i), diese mal live zu sehen. Es ist ja noch August und die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. Der Weg zurück zum Meer führt uns durch eine beeindruckende Landschaft und das Land der Elfenkönigin Islands. Ihre Residenz soll sich im Hügel Álfaborg befinden und viele Geschichten erzählen von engen Verbindungen zwischen den Bewohnern des Dorfes und den Elfen. So werden diese sogar bei Bauvorhaben von Häusern oder Straßen berücksichtigt. 

Im Hafen von Hafnarhólmi ist nicht viel los und unsere Hoffnung schwindet, als wir am Parkautomaten lesen, dass die Puffin-Saison bereits vorbei ist und alle aufs offene Meer geflogen sind um zu Überwintern. Wir erklimmen trotzdem den Aussichtshügel in dem die Puffins normalerweise nisten. Aber außer ein paar Möwen und einer schönen Aussicht ist nichts zu sehen. Also zumindest sehen wir keine, aber vielleicht sind Eure Augen besser?! Zum Trost und aufwärmen gönnen wir uns im Hafencafé einen Cappuccino, Tee und 2 Stückchen Kuchen, übrigens das teuerste Kaffeegedeck unseres Lebens. Ihr könnt ja mal raten, was wir bezahlt haben. Soviel sei gesagt: Es ist kein Vergleich zu deutsche Gastronomiepreisen! 

Nachdem wir uns aufgewärmt und den Schreck verdaut haben, geht es den gleichen Weg zurück. In Bakkagerði fotografieren wir noch die roten Torfhäuser und überlegen, was wir noch anstellen wollen. Es ist erst 14:00 Uhr und daher plane ich noch einen kleinen Umweg ein, bevor es Richtung Hostel geht. Statt  geradeaus nach Egilsstaðir zu fahren, biegen wir rechts auf die 944 ab und landen unverhofft auf unserer ersten Gravelroad. 20 Kilometer Schotterpiste, bergauf und Bergab, vorbei an Flüssen und Schafen führen uns zum Galtastaðir Farm Turf House, einem gut erhaltenen isländischen Torf-Haus. Hierbei handelt es sich um Gebäude mit dicken Torfwänden und grasgedeckten Dächern, die wegen Holzmangels als Schutz vor dem rauen Klima entwickelt wurden.

Hier ist nichts los, aber der Weg zum Haus ist mit einer dicken Kette verschlossen. Außer uns parkt noch ein anderes Fahrzeug vor uns & da das Gebiet nicht touristisch erschlossen ist, müssen wir uns direkt dahinter stellen. Wir laufen die restlichen Meter zu dem Haus, das mit bloßen Augen fast nicht zu erkennen ist. Es verschwindet praktisch in der Landschaft. Es gibt viele Geschichten und Mythen rund um das Torfhaus, die von verwunschenen Goldschätzen bis zum Mord an drei Brüdern reichen. 

Als wir beim Haus ankommen, treffen wir auf die Fahrer des Wagens, den wir zugeparkt haben. Wir entschuldigen uns und kommunizieren, dass wir natürlich gleich wegfahren, wenn sie aufbrechen möchten. Wir kommen ins Gespräch und erfahren, dass das kanadische Ehepaar auf  den Spuren ihrer Ahnen wandelt.  Das Haus hat dem Großvater des Mannes gehört, bis er 1897 nach Kanada ausgewandert ist. Bis 1967 war dieses Haus bewohnt. Im Erdgeschoss befand sich der Kuhstall. Darüber der Gemeinschaftsraum, so dass die Wärme der Kühe den Gemeinschaftsraum beheizte. Hier wurde gelebt, gekocht & geschlafen. 

Schon spannend, wen man auf Reisen so kennenlernt. Während die beiden sich noch weiter umschauen, laufen wir zurück zum Auto und setzten unsere Fahrt Richtung Hostel fort. Auf dem Weg dorthin passieren wir noch unzählige Schafe und eine Wikinger-Kirche, die im selben Torfhaus-Stil errichtet wurde: Die Geirsstaðakirkja steht unscheinbar am Wegesrand. Sie ist eine Nachbildung einer Hofkirche, die bei Ausgrabungen entdeckt wurde. Im Inneren befindet sich ein kleiner Altar, Bänke oder prunkvolle Gegenstände sucht man vergebens. Kein Highlight, aber es lässt uns in die Vergangenheit reisen und mit etwas Fantasie erahnen mit wie wenig die Menschen früher auskamen. 

Nach Egilsstaðir und zu unserem Hostel ist es nicht weit. Wir sind gespannt auf unsere Unterkunft mit Gemeinschaftsbad. Immerhin gibt es eine Küche und um unsere leeren Mägen füllen zu können, kaufe ich noch schnell ein paar Kleinigkeiten im Bonus, einem Discounter vergleichbar mit Lidl, ein. Wichtigstes Utensil hierbei: der Währungsrechner im Handy und bloß nicht mit Hunger einkaufen, das wird hier nämlich schnell existenzgefährdend. Eine Packung Schinken oder Käse für sechs Euro?

Zum Glück haben wir mit unseren Vorräten etwas vorgesorgt. Im Hostel haben wir eine Etage für uns,  das Bad gleich neben unserem Zimmer und Kühlschränke gibt es auch genug. Der Check-in läuft ohne Personenkontakt über einen Türcode fürs Zimmer. Von den ganzen Eindrücken heute sind wir mehr als k.o.. Daher kochen wir noch schnell ein paar Nudeln mit Tomatensoße und lauschen den amerikanischen Teenies, die sich mit uns die Küchen teilen, was sie so beschäftigt. Die Themen reichen von „die böse KI kostet uns irgendwann alle unsere Jobs“ bis zu „meine Vorfahren kommen aus….“. Bei letzterem werden wir hellhörig und müssen schmunzeln: … aus Deutschland und sind „Pennsylvania Dutch“. Das sagt Euch nichts? Dann empfehlen wir euch den Film „hiwwe wie driwwe“ und verabschieden uns jetzt ins Land der Träume – morgen geht’s weiter! 


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