Heute steht die erste Etappe unserer Reise über den „Ring“ auf dem Plan. Zwischenstopp am Stuðlagil Canyon und bei den Schlammtöpfen im Geothermalgebiet Hverir, Endstation am Mývatn, dem Mückensee. Auf dem Weg zum Canyon durchqueren wir eine Hochebene, die uns mit ihrer schier endlosen Weite an die großen Nationalparks der USA erinnern. Von jedem zweiten Felsen stürzen Wasserfälle in die Tiefe.

Die spektakuläre Basaltschlucht liegt tief im Gletschertal Jökuldalur versteckt und war bis vor kurzem ein gut gehütetes Geheimnis. Erst durch die Umleitung des Flusses Jökla, der durch die Schlucht fließt, sank der Wasserspiegel so stark ab, dass die beeindruckenden Basaltsäulen zum Vorschein kamen. Diese Maßnahme wurde 2016 durchgeführt, um den Bau von Wasserkraftwerken zu ermöglichen. Mittlerweile ist die Schlucht ein gehypter Instagram-Spot, was ihn aber nicht weniger eindrucksvoll macht. Bei der Anreise stellt sich jedoch erst einmal die Frage: Ost- oder Westseite? Das hat mir bei der Planung tatsächlich Kopfzerbrechen bereitet.
Die Westseite ist gut von der Ringstraße erreichbar, vom Parkplatz führt eine steile Treppe hinunter in die Schlucht und verschiedene Aussichtsplattformen ermöglichen den Ausblick auf die mächtigen Basaltsäulen. Die Ostseite ist nur über eine Schotterpiste erreichbar. Vom Parkplatz läuft man ca. 2,5 Kilometer bis zur Schlucht und wieder zurück. Der Weg ist nicht anspruchsvoll und gut ausgebaut. Die meisten finden den Ausblick auf der Ostseite schöner, da man hier wirklich bis runter an den Fluss gehen kann. Festes Schuhwerk und entsprechende Kleidung empfiehlt sich auf beiden Seiten. Auf beiden Seiten gilt ebenfalls: Parkticket kaufen. Mit 1089 isländischen Kronen ist man dabei, das entspricht ca. 7,75€. So, und welche Seite nehmen wir nun?

Bevor wir das Rätsel lösen, noch ein paar Infos zu den imposanten Säulen: Diese wurden durch die langsame Abkühlung von Lavaströmen gebildet, die vor vielen Jahrtausenden über die isländische Landschaft flossen. Durch diesen Prozess entstanden Risse und sechseckige Säulen, die heute das atemberaubende Panorama von Stuðlagil prägen. Im Spätsommer und Herbst führt der Fluss klares, türkisfarbenes Wasser. Im Frühjahr oder nach starkem Regen kann er durch Schmelzwasser grau-braun und reißend sein. Die Basaltsäulen sind in der Regel grau, allerdings schimmern manche von ihnen rot-braun, was von eisenoxidhaltigem Oberflächenwasser kommt. 

Gebt zu, ihr habt den Absatz übersprungen. Aber genug des Spannungsaufbaus, des Rätsels Lösung ist: Wir schauen uns beide Seiten an. Schließlich wollen wir uns eine unabhängige Meinung bilden und so kraxeln wir erstmal die Treppen an der Westseite herunter um danach noch die kleine 5km-Wanderung an der Ostseite zu machen. Unsere persönliche Meinung: Jede Seite hat ihre Vor-und Nachteile- die Westseite mag nicht so spektakulär sein, wie die Ostseite, ermöglicht jedoch durch die schön angelegten Aussichtsplattformen einen guten Einblick in die Schlucht. Für diejenigen, die nicht so viel Zeit einplanen wollen, eine perfekte Lösung. Für die Ostseite sollte man jedoch Zeit einplanen: Nicht nur für den Hin- und Rückweg, sondern auch um dort etwas zu verweilen, die Aussicht zu genießen und die Schönheit & Kraft der Natur zu erleben, aber bitte auch zu respektieren. Von Letzterem, also Respekt, sehen wir leider viel zu wenig. Die Meisten hetzen hierher, um das perfekte Foto zu schiessen, ihre Drohnen durch den Canyon zu jagen oder auf den Felsen herumzukraxeln. Wir wollen hier nicht mit erhobenem Zeigefinger stehen, aber irgendwie macht es traurig so etwas mitanzusehen. 

Als ein Ort voller Naturwunder verdient der Stuðlagil Canyon besondere Pflege und Erhaltung. Besucher werden ausdrücklich aufgefordert, ausgewiesenen Wegen zu folgen und sich an Richtlinien zu halten, um das empfindliche Ökosystem zu schützen und sicherzustellen, dass zukünftige Generationen weiterhin die Pracht des Canyons bestaunen können. Aber die wenigsten halten sich daran. 

Mit etwas Wehmut und schweren Beinen treten wir die Weiterfahrt über die Ringstraße an. Wir passieren Hochebenen, erstarrte Lavafelder, Sandwüsten und ruhende Vulkane. Die Landschaft ist einzigartig und lässt uns immer wieder staunen. Manchmal grün, dann wieder schwarz und felsig. Hohe Berge und Täler, die von mäandrierenden Flüssen durchzogen werden. 

Nach ca. einer Stunde erreichen wir unser zweites Zwischenziel: Das Geothermalgebiet Hverir. Hier dampft, raucht und stinkt es. Die Landschaft wirkt unrealistisch und wenn ich zwischendurch eingeknickt wäre, würde ich jetzt denken, ich bin auf dem Mars gelandet. Auf der einen Seite sieht man grüne Hügel, auf der anderen ist alles gelb-braun und es dampft aus allen Löchern. Bevor wir jedoch die Schlammtöpfe ins Visier nehmen, biegen wir rechts in Richtung Geothermiewerk Krafla ab. Hier soll es eine „unendliche Dusche“ geben, die wir uns anschauen möchten. Die Dusche entstand ursprünglich aus einer Test- oder Abwasserbohrung für das nahegelegene Kraftwerk, bei der man auf eine heiße Quelle stieß. Sie läuft 24 Stunden am Tag das ganze Jahr mit angenehm warmem Thermalwasser. Allerdings tröpfelt sie aktuell nur vor sich hin und Dank des Geruchs ist keiner von uns in Duschlaune. Also geht es zurück zu den Schlammtöpfen unterhalb des Bergs Námafjall. Unter dem Gebiet liegt das aktive Vulkansystem der Krafla. Magma in der Tiefe erhitzt das Grundwasser stark, wodurch heißer Wasserdampf und Gase, wie Schwefelwasserstoff, nach oben steigen. Diese Gase reagieren mit dem Wasser und bilden Schwefelsäure, welche das umliegende Gestein zu Ton und Schlamm zersetzt. Durch die geothermischen Prozesse gibt es nur sehr wenig Vegetation. Der Schwefel verleiht der Gegend eine grün-gelbliche Farbe und einen starken Geruch nach verfaulten Eiern. Hier schlägt das Chemikerherz gleich höher. Vom Weg sollte man hier allerdings nicht abkommen, denn der Boden kann bis zu 100 Grad heiß sein. 

Nach der kleinen Exkursion zum Mars, steuern wir unsere Unterkunft an. Uns erwartet wieder ein kleines Hostel, mit Gemeinschaftsbad. Wir werden an der Rezeption herzlich empfangen und bekommen ein ruhiges Zimmer zugewiesen. Das Bad ist gleich gegenüber und die Küche nebenan. Nachdem wir unsere drei Sachen im Kühlschrank verräumt haben, geht es noch mal raus. Auf dem Weg zum Hostel ist mir nämlich ein Fish & Chips- Laden aufgefallen, den ich schon mal gesehen habe. Ein Bekannter Reiseinfluencer mit bärigem Anhang war schon mal hier und hat ihn mit „die besten Fish & Chips, die ich je gegessen habe“ honoriert. Das müssen wir doch überprüfen! Vorher wird Marco von Mir(i) allerdings in die isländischen Lebensmittelpreise eingeführt. Er staunt nicht schlecht- für 100g Schinken oder Käseaufschnitt bezahlt man wirklich 8€. Mitnehmen oder doch Brot mit Butter essen? Was meint ihr? 

Der Abend endet spektakulär, unspektakulär mit einer kleinen Runde um den Mývatn See, einem See mit vulkanischer Geschichte. Durch einen gewaltigen Vulkanausbruch vor tausenden von Jahren wurde die Umgebung hier geformt und begeistert heute mit beeindruckenden Pseudokratern und den bizarren Lavaformationen von Dimmuborgir, die Aussehen wie Ruinen von Burgen oder Türmen.

Müde und mit 1000 Bildern im Kopf und auf der Speicherkarte fallen wir ins Bett und fragen uns „kann das heute noch getoppt werden“? Wir vermuten „ja“! Achso, und falls ihr Lust auf Fish & Chips habt- der Laden ist absolut zu empfehlen! So wie bisher alles, was wir hier gesehen haben. 


Ein Kommentar zu „Sind wir auf dem Mars gelandet?“

  1. Avatar von Andreas Karfeld
    Andreas Karfeld

    Habt Ihr ,in Hverir also ein Jackpot-Abend, gehabt?Bei KP 5,67 über den brodelnden Schlammtöpfen von Hverir sieht man dann doch sicherlich,nicht nur einen grünen Schleier am Horizont, sondern den ganzen Himmel in Grün und sogar Violett, oder?

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