Schwimmende Pools

Nach einer kurzen Nacht, schlafen wir erstmal aus. Wir müssen das Hostel erst morgen wieder wechseln und daher können wir uns mit dem Frühstück etwas Zeit lassen. Marco hat noch eine kleine Wanderung zum Hengifoss „hängender Wasserfall“ für heute geplant, vor der ich „Sportskanone“ ordentlich Respekt habe. Der Hengifoss ist zwar nur der vierhöchste Wasserfall Islands, gehört aber, aufgrund seiner markanten Gesteinsschichten aus dunklem Basalt und den rot leuchtenden Tonschichten dazwischen, zu den beliebtesten. Die Wanderung ist als „mittelschwer“ gekennzeichnet und dauert bei einer Länge von nur 5km ca. 2 Stunden. Bisher nichts, was einem Sorgen bereiten sollte. Mich bringen die 350 Höhenmeter, schon bei dem Gedanken daran, zum Japsen, denn ich gehöre eher zu den Flachland-Wanderern. 

Am Parkplatz angekommen, schnüren wir die Wanderschuhe und laufen langsam los. Die ersten Höhenmeter überwinden wir über eine steile Treppe. Der Rest des Weges geht stetig bergauf. Wir werden regelmäßig von ambitionierten Wanderern jeden Alters überholt. Und mit jedem Schritt werden die Beine schwerer und die Luft weniger. Zum Glück haben die Planer des Weges mitgedacht und schöne Aussichtspunkte mit Bänken und Infotafeln versehen. So auch am Litlanesfoss, der auch den Namen Stuðlabergsfoss trägt, was so viel wie „Säulenfelsen-Wasserfall“ bedeutet. Ein passenderer Name, denn dieser 35 m hohe Wasserfall wird von Basaltsäulen umgeben, die zu den größten Islands zählen.

Es geht weiter bergauf, die Sonne strahlt am azurblauen Himmel und heizt uns ein. Die Jacken hätten wir definitiv im Auto lassen können. Die Hälfte des Hinwegs ist geschafft und ich frage mich, wie ich die Energie für den Rest der Strecke aufbringen soll. Marco redet mir gut zu und appelliert an den Steinbock in mir. Er macht das richtig gut und dank meines Dickkopfs und seiner Geduld schaffen wir es tatsächlich bis zum bunten Wasserfall: Er donnert aus 118m in die Tiefe, leuchtend rote Tonsteinschichten ziehen sich zwischen das schwarze des Basaltgesteins, das den Wasserfall umrahmt. Sie entstanden in den Zeiträumen zwischen den Lavaflüssen. Als die Lava abkühlte verwitterte sie und verwandelte sich teilweise in Erde. Nach langer Zeit floss neue Lava darüber und begrub die Erde. In heißem und feuchtem Klima oxidierte das Eisen in der Erde und wurde rotbraun.

Wir verschnaufen, genießen den Ausblick und sammeln wieder Energie, in Form unserer Jause, für den Rückweg. Die meisten, die uns auf dem Weg überholt haben, sind wahrscheinlich längst im Tal. Wie wundern uns jedes Mal, wie wenig Zeit sich die meisten nehmen, um die Schönheit der Natur zu sehen. Schnell irgendwo hin, Hauptsache ein Bild gemacht und schnell weiter. Vielleicht hat es doch Vorteile, nicht soviel Kondition zu haben!? Nach einer Weile treten wir den Rückweg an. Es geht auf Schotter steil bergab und wir haben eine wunderschöne Aussicht auf den Lagarfljót und das angrenzende Tal. Eine wirklich schöne Wanderung, auch wenn ich morgen wahrscheinlich jeden Knochen einzeln spüren werde. 

Der Lagarfljót (See) beherbergt übrigens Verwandtschaft der bekannten schottischen Nessie – den Lagarfljótsormurinn (Lagarfljóts-Wurm). Der Sage nach wohnte einst ein Mädchen am See, das sehr arm war. Es legte also eine goldene Brosche zusammen mit einem kleinen Wurm in eine Schachtel, in der Hoffnung, auf diese Weise das Gold zu vermehren. Statt des Goldes wuchs jedoch der Wurm und das Mädchen warf die Schachtel in Panik in den Lagarfljót. Dort wuchs der Wurm weiter, konnte aber von Zauberern an Kopf und Schwanz gekettet auf dem Grund des Sees festgesetzt werden. Sichtungen wurden schon im Jahr 1345 erstmals niedergeschrieben und jüngst (2012) filmte ein Bauer ein großes schwimmendes Objekt im See. 

Für uns geht es wieder zurück nach Egilsstaðir ins Hostel. Wir wollen schnell etwas essen und danach kommt der entspannte Teil des Tages, der auch unseren müden Knochen gut tun wird: Der Besuch in den Vök Baths. Für 19:30 Uhr haben wir einen Slot reserviert und wir sollen pünktlich sein. 

Vorher muss aber natürlich noch etwas Hektik ausbrechen, sonst wäre es ja langweilig. Als ich in der Küche das Essen vorbereite und Marco die Badesachen ins Auto packen will, stellt er fest, dass unsere Zimmertür nicht mehr schließt. Das liegt nicht am fehlenden Schlüssel, denn hier wird der Zugang über einen PIN geregelt, den man über eine Tastatur oberhalb des Türgriffs eingibt. Zwischen Nudeln und Tomatensoße rufe ich also beim Service an, denn Mitarbeiter sieht man hier weit und breit nicht. Ich erkläre ihm das Problem und die Dringlichkeit und er kontaktiert sofort einen Kollegen, der vorbei kommt. Allerdings ist das Schloss wohl defekt und Marco muss noch einen Spontanumzug in ein anderes Zimmer vornehmen. Zum Glück auf dem selben Stockwerk. Danach noch schnell essen und los geht’s. 

Bei den Vök Baths handelt es sich um ein geothermales Badeparadies am Ufer des Sees Urriðavatn. Die Anlage verfügt über Islands erste im See schwimmende Geothermalpools mit herrlichem Blick auf das Wasser. Das Wasser ist je nach Pool herrlich warm oder kochend heiß. Ein Sprung in den kalten See sorgt jedoch für Abkühlung. Und so bleiben wir bis 23:00 Uhr, auch in der Hoffnung noch mal Polarlichter über dem See zu sehen.  Sie zeigen sich zwar während unseres Aufenthalts, aber nur ganz schwach und ohne Handykamera kaum sichtbar. 

Auf der Fahrt ins Hostel werden sie dann aber so deutlich, dass wir immer wieder anhalten, um sie einzufangen. Und so endet der Tag nicht nur entspannt und gut gewärmt, sondern auch mit einem Naturfeuerwerk besonderer Art. 


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