Unser Wecker rappelt, es ist 7:00 Uhr! Wir wollen heute einiges von der Sightseeing-Liste streichen und befürchten, dass hier im Süden viel los sein wird. 

Eigentlich wollte ich Marco heute den Blog schreiben lassen, aber seiner Kreativität sind wohl Grenzen gesetzt. Er bevorzugt den Steno-Stil: Brumm brumm, Sonne scheint, schöne Landschaft, Foto Foto, Staunen, staunen und nochmal staunen! Schriftsteller wird er so wohl keiner. Also muss ich wieder ran! Wahrscheinlich stellt er sich einfach nur dumm dran, damit ich nicht wieder auf so eine Schnapsidee komme. Immerhin muss so ich kein Auto fahren! 

Jetzt aber zum Wesentlichen. Es gibt viel zu sehen, hier im Süden: Den Seljalandsfoss und Gljúfrabúi-Wasserfall, Skógafoss, Dyrhólaey-Aussichtspunkt, Reynisfjara Black Sand Beach, Hjörleifshöfði Höhle, Hofskirjka ,Jökulsárlón Gletschersee und den Diamond Beach. Unsere Unterkunft, das Skyrhúsið Guesthouse liegt in der Nähe des Gletscherse, also sozusagen auf dem Weg.

Wir starten kurz vor 9:00 Uhr zum Seljalandsfoss. 30 Minuten Fahrt liegen vor uns und wer hätte es gedacht: der Parkplatz ist voll. Das kann ja heiter werden! Gestern Abend hatten wir noch überlegt, zum Sonnenuntergang hinzufahren, wollten dann aber doch nicht mehr raus. Merke: Wer Busse voller Chinesen umgehen möchte, kommt am besten um 6:00 oder nach 18:00 Uhr. Das Panorama ist trotz Touristenmassen beeindruckend: 4 Wasserfälle, nebeneinander aufgereiht, donnern sie die Hohe Felswand hinunter. Der größte, der Seljalandsfoss, entspringt unterhalb des Gletschers Eyjafjallajökull. Ihr erinnert Euch: der unaussprechliche Vulkan, der 2010 für Chaos gesorgt hat! Er liegt unter dieser Eiskappe. Das auffälligste Merkmal des Seljalandsfosses ist eine große Höhle, die im Sommer eine vollständige Umrundung erlaubt. Als wir vom Parkplatz zum Wasserfall laufen, sehen wir aus der Ferne schon die Schlange an bunten Regenponchos. Mir fallen da sofort ist Instagram-Reels zum Thema „Instagram versus Reality“ ein, die gerne über Touristenattraktionen gedreht werden. Hilft nichts, müssen wir wohl durch. Aber so schlimm, wie vermutet ist es nicht und irgendwie ist es auch lustig zuzusehen, wie sich manche Leute sich in Pose setzen. Und obwohl wir unsere Regenhosen und Jacken angezogen haben, meint es die Gischt gut mit uns und wir werden nicht sehr nass. Ein schönes Erlebnis, hinter einem so großen Wasserfall durchzulaufen, erst Recht, wenn die Sonne scheint. 

Danach gehen wir noch ein paar Schritte in Richtung zu einem verborgenen Juwel: Gljúfrabúi-Wasserfall. Er liegt teilweise hinter einer Felswand versteckt und wird aufgrund der extremen Beliebtheit des Seljalandsfoss gerne übersehen. Pustekuchen: auch hier müssen wir Schlange stehen- die sozialen Medien machen es möglich: Ob alt oder jung, jeder möchte sich freiwillig eine kostenlose Dusche abholen. Auch hier stellen wir uns geduldig an. Wir genießen das Panorama und kraxeln anschließend, über Steine, die durch den Bach führen, in den Felsspalt, wo der Gljúfrabúi in die Tiefe stürzt. Gljúfrabúi bedeutet übrigens „der Bewohner der Schlucht“. Ein einzigartiges Erlebnis und die nassen Jacken, Hosen und Schuhe trocknen schnell in der wärmenden Sonne auf dem Weg zurück zum Parkplatz. 

Das erste Highlight wäre geschafft und es geht weiter zum Skógafoss. Er ist mit 62 Meter Fallhöhe einer der höchsten Wasserfälle im Süden Islands. Eine Legende sagt, dass der Siedler Þrasi seinen Goldschatz dahinter versenkt haben soll. Mutige versuchen immer wieder, so nah wie möglich an den tosenden Wasserfall heranzukommen, und fangen sich dabei regelmäßig kräftige Duschen ein. Den Weg zum Goldschatz weist in solchen Sagen und Mythen doch immer ein Regenbogen, oder? Vielleicht finden wir ihn ja, denn eben dieser weist uns den Weg zum Wasserfall. Genauso wie die vielen Menschen, die wir dort antreffen. Das wird wohl nichts mit der Schatzsuche. Aber wir können hier noch etwas suchen, nämlich unsere Kondition. Die fehlt uns nämlich irgendwie, als wir die knapp 500 Stufen zur Plattform über dem Wasserfall erklimmen. An den Hängen grasen immer wieder Schafe und über dem Wasserfall kreisen Möwen, die dort nisten.  Der Reiseführer rät: „Falls ihr Lust auf Abenteuer verspürt, dann packt euren Rucksack und macht euch vom Weg oberhalb des Skógafoss auf eine 10 Kilometer lange, anspruchsvolle Wanderung entlang des Flusses Skógá. Ihr überquert dabei den Fimmvörðuháls-Pass und wandert zwischen den Gletschern Eyjafjallajökull und Mýrdalsjökull bis zur Bergoase Þórsmörk.“ Viele Wasserfälle liegen auf dem Weg, aber zum Glück haben wir ja Zeitdruck – wir müssen weiter. Also alle Stufen wieder runter und weiter geht’s. 

Wir fahren zum Kap Dyrhólaey (Türhügelinsel) mit seinem Leuchtturm. Es ist der südlichste Punkt der isländischen Hauptinsel. Früher war der Felsen eine Insel, entstanden durch submarine vulkanische Aktivität. Doch im Laufe der Zeit hat diese sich mit dem Festland verbunden und ist so zum Kap geworden. Bekannt wurde dieser vor allem wegen des gewaltigen Felsentores, das die Brandung in Jahrtausenden geschaffen hat. Vom Leuchtturm, der die ehemalige Insel krönt, bietet sich ein grandioser Ausblick auf die schwarzen Lavasandstrände und die umliegenden Gletscher. 

Bevor wir den Ausblick jedoch genießen dürfen, müssen wir ein Verkehrschaos über uns ergehen lassen. Manchen Touristen sollte man keine Mietwagen aushändigen. Ihr könnt euch nicht vorstellen, was hier los ist: die einen hoppeln in ihre Parklücke, die anderen stellen ihr Auto ohne Rücksicht auf Verluste einfach irgendwo ab und wiederum andere fahren entgegen der Fahrtrichtung. Wir sind kurz davor umzukehren, finden aber einen Parkplatz und können unsere Runde drehen. Zum Glück finden wir auch hier ein ruhiges Plätzchen, um Fotos zu machen und den Blick schweifen zu lassen. Wir sehen den Gipfel des Eyjafjallajökull und den Gletscher Mýrdalsjökull mit dem darunter liegenden riesigen Vulkan Katla.

Unser nächstes Ziel ist der Black Sand Beach Reynisfjara. Wir befinden uns an einem der schönsten Strände der Welt, aber auch dem gefährlichsten. Feiner, schwarzer Sand, steil emporragende Basaltsäulen und grüne Hügel umranden die Bucht. Dazu tosende Wellen, deren weiße Brandung einen tollen Kontrast zum schwarzen Sand bildet. Hier warnen überall Schilder vor gefährlichen Sneaker-Wellen, auch Sneaker Waves, Schlafwellen oder Königswellen genannt. Das sind Wellen, die unerwartet auftreten und die überraschend groß und stark werden. Zu den hinterlistigen Wellen kommen Unterströmungen, die Menschen einfach ins Meer ziehen können. Hier kam es in den letzten Jahren häufig zu tödlichen Unfällen. Man sollte also einen gebührenden Abstand einhalten und nicht, so wie man es normalerweise gerne macht, barfuß im Wasser spazieren gehen. Doch aller Warnungen zum Trotz sehen wir das Gegenteil: Die Warnschilder werden ignoriert, wir sehen immer wieder Todesmutige, die im oder durch das Wasser gehen, Menschen, die auf die Basaltsäulen klettern oder sitzen, um für Bilder zu posieren und Kinder, die unter Aufsicht der Eltern mit den Wellen fangen spielen. Bei all der Leichtsinnigkeit können wir nur den Kopf schütteln, unsere obligatorischen Fotos machen und diesen Ort schnell wieder verlassen. Der Strand ist trotzdem wunderschön, auch wenn man ihn bei soviel Dummheit nicht wirklich genießen kann! 

Es geht weiter nach VIK. Als wir den Berg in den Ort runter rollen, sehe ich den, mir immer bei Social Media angezeigten, kleinen Crepes-Stand am Straßenrand stehen. Ich zwinge Marco zur Vollbremsung! Er glaubt zunächst eine Sehenswürdigkeit verpasst zu haben, stellt dann ernüchtert fest, dass es sich um einen Food-Truck handelt und parkt kopfschüttelnd das Auto. Ich kann ihn mit einem leckeren Crepes ruhig stellen und die Fahrt geht weiter. Wie sich dann herausstellt, war der Essens-Stopp Schicksal, denn als ich unser Hostel als Ziel ins Handy eintippe, staune ich nicht schlecht: wir sind noch 2 1/2 Stunden und 160 km davon entfernt. Check- in ist bis 21:30 Uhr möglich und es ist schon 18:00 Uhr. Auf unserer Liste stehen noch 4 Stopps. Kurzerhand müssen wir umplanen. Die Hjörleifshöfði Höhle wird gestrichen- Großes Sorry an die Star Wars Fans hier! Denn diese wissen es wahrscheinlich, für alle Unwissenden die Erklärung: Die Höhle und der umliegende schwarze Sandstrand dienten als Kulisse für den Anfang des Films Rogue One: A Star Wars Story. Obendrein sieht man beim rausschauen aus der Höhle die Silhouette von Yoda. Ausschlusskriterium war nicht der fehlende Respekt vor dem Imperium, sondern die Gravelroad, die uns einiges an Zeit gekostet hätte. Wir werden in der 1 1/2 Stunde entfernten  Hofskirkja Abbitte leisten. Diese liegt auf direktem dem Weg zur Gletscherlagune und damit zu unserem Hostel. Sie ist im selben Stil erbaut, wie die Torfhäuser im Norden des Landes und sieht aus, als wäre sie gerade wie ein Pilz aus der Erde geschossen. Besichtigen kann man diese schnuckelige Kirche leider nur von außen und daher können wir diesen Punkt schnell abhaken. Auf dem Weg dahin fahren wir durch ein Gebiet, das uns regelmäßig ein „unwirklich“ entlockt! Hohe Berge, schwarze Strände, moosbedeckte Lavafelder, dann wieder wüstenähnliches Gebiet. Und immer wieder der Blick auf schneebedeckte Gipfel und riesige Gletscher. Zwischendurch ragen die Gletscherzungen bis ins Tal, wo Schafe und Pferde sich beim Grasen abwechseln. Wir sind uns einig: Diese Landschaft kann nicht in Worte gefasst werden und kein Foto oder Video kann ihr gerecht werden! Gleichzeitig sind wir unglaublich dankbar, all dies mit unseren Augen sehen und erleben zu dürfen. 

Kurz nach 20:00 Uhr passieren wir die Gletscherlagune des tiefsten Sees Islands: Dem Jökulsárlón. Noch zwanzig Minuten Fahrt bis zum Gletscher. Der See mit den Eisbergen schimmert im Abendrot. Da ist noch ein schönes Foto drin, denken wir! So ist es- wir fangen das Panorama in den schönsten Orange- und Rosatönen ein und kommen danach pünktlich um 21:00 Uhr durchgefroren im Hostel an. 

Dort werden wir freundlich empfangen und mit den Standardfragen „wo kommt ihr her?“, „wie, ihr seid mit dem eigenen Auto auf der Insel unterwegs?“ oder „und wie lange ist man auf der Fähre?“ bombardiert. Danach werden uns noch Zimmer, Küche und Bad gezeigt und wir können erschlagen von den heutigen Eindrücken in die Federn fallen. 

Dem eifrigen Leser mag aufgefallen sein, das es noch einen offenen Punkt auf der Liste gibt: Der Diamond Beach- er liegt direkt neben der Gletscherlagune und da wir uns diese morgen noch mal bei Tageslicht ansehen wollen, können wir das in einem Aufwasch erledigen. Da sich Rückfragen bzgl. unserer  ausreichenden Nahrungsaufnahme ergeben haben, hier ein kleiner Hinweis: Island ist teuer – Ja, aber wir haben vorgesorgt und die Grundnahrungsmittel mitgenommen. Obst und Gemüse werden frisch zugekauft  und so mussten wir bisher noch keinen Tag Hunger leiden! 


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